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Abendsonne |
Bildbeschreibung
Während ihres Artist-in-Residence-Aufenthalts im Walliser Brig besuchte Alexandra Weidmann den Nachbarort Naters – einen Ort, der ein eindrucksvolles Beinhaus beherbergt. Die Reihen aus Schädeln und Gebeinen, in ihrer stillen Präsenz zugleich erschütternd und friedlich, hinterließen einen tiefen Eindruck. Aus dieser Erfahrung entstand das Gemälde Abendsonne: eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Leben, Vergänglichkeit und der Schönheit des Dazwischen.
Im Zentrum des Bildes steht eine ältere Frau, die ihre aus einem aufgeknöpften Kleid gefischten Brüste stolz und trotzig dem Betrachter präsentiert. Links von ihr sitzt eine junge Frau schlafend auf einer Bank gelehnt an eine Wand aus Totenschädeln und großen Beinknochen. Rechts von der zentralen Figur steht ein Blumentopf mit einer gerade gekeimten Pflanze. Zusammen symbolisieren sie den Kreislauf der Natur und das Vertrauen in das Kommende. Hier steht nicht die weibliche Fruchtbarkeit im Mittelpunkt, sondern die Zeit im Leben einer Frau nach der Menopause. Diese wirft die Scham und Zurückhaltung über Bord. Sie stellt die Befriedigung ihrer eigenen Lust in den Mittelpunkt. Dabei ist der Tod nicht mehr fern oder bedrohlich, sondern allgegenwärtig in das Muster des Lebens eingewoben. Der Mensch lebt – und lebt zugleich mit dem Bewusstsein seiner Endlichkeit.
Der Titel Abendsonne lenkt den Blick auf das Licht, das über der Szene liegt:
ein warmes, goldenes Leuchten, das den Übergang vom Tag zur Nacht markiert.
Es ist das Licht des Innehaltens, des Begreifens, dass jeder Tag – und jedes
Leben – vergänglich ist. So verschmelzen in diesem Moment die drei großen
barocken Lebensmaximen:
Carpe Diem – nutze den Tag
Vanitas – alles ist vergänglich
Memento Mori – gedenke des Todes
Weidmanns Malerei verbindet diese klassischen Ideen mit einer zeitgenössischen, weiblichen Perspektive. Die Figuren sind kraftvoll, körperlich, ungeschönt. Sie zeigen Sinnlichkeit und Verletzlichkeit zugleich. Die leuchtenden, kontrastreichen Farben verleihen der Szene Energie und Gegenwärtigkeit – sie lassen das Thema der Vergänglichkeit nicht düster, sondern intensiv lebendig erscheinen.
Abendsonne ist damit ein modernes Vanitas-Bild: ein Nachdenken über die Schönheit und Fragilität des Lebens. Es lädt dazu ein, im Angesicht des Todes nicht zu verzweifeln, sondern das Dasein umso bewusster zu bejahen – im warmen, letzten Licht des Tages.