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Aquarium – Traum von diversen Leben |
Bildbeschreibung
Das Gemälde zeigt eine zweigeteilte Welt, wie man sie in Aquarien finden kann. Der Bildraum wird durch eine nahezu horizontale Linie in zwei Bereiche geteilt: Oberhalb erstreckt sich ein heller, klarer blauer Himmel – es ist dieselbe Luft, die auch die Betrachtenden umgibt – und darunter liegt das dunkle Grün des Wassers. Diese ungewöhnlich scharfe Trennung verleiht der Szene etwas Bühnenhaftes. Die Figuren scheinen sich in beiden Welten zu bewegen.
Dominant sind zwei weibliche Mischwesen in der rechten Bildhälfte. Die linke wie die rechte Figur besteht aus dem Oberkörper einer nackten erwachsenen Frau. Die linke hat den Unterleib einer Robbe, welcher horizontal abgeknickt ist, die rechte den eines Eisbären, die senkrecht im Waser schwebt. Die Robbenfrau hat ihren rechten Arm auf den Rand der Glaswand abgelegt, mit dem Zeigefinder und Daumen der linken Hand berührt sie die rechte Brustwarze der Eisbärenfrau, eine auffällige und keineswegs zufällige Geste, die auf ein berühmtes Gemälde der Schule von Fontainebleau verweist. Die Eisbärenfrau hat an ihrer linken Brust ein saugendes Baby angelegt, das unterhalb des Bauchnabels einen Fischschwanz besitzt. Auf den Köpfen tragen die Protagonisten Gegenstände, die als Badekappen oder Perücken gelesen werden können. Da die menschlichen Hälften der Figuren ganz in die rechte Bildhälfte gerückt sind, ist Platz auf der linken für einen mit weit ausgebreiteten Flügeln anlandenden rosa Schwan. Unterhalb dem nach links abgeknickten Robbenhinterleib schwimmt ein großer Hai durch das dunkle Wasser. Sein Körper ist in kräftigen Blau-, Türkis- und Violetttönen gestaltet. Trotz seiner Größe und der grundsätzlich bedrohlichen Konnotation des Hais wirkt er nicht aggressiv. Er greift niemanden an und scheint ebenso selbstverständlich zu dieser Welt zu gehören wie der Schwan.
Diese hybride Welt aus drei unterschiedlichen Mischwesen bildet zusammen mit Schwan und Hai ein harmonisches Gefüge. Alle Protagonisten sind nicht naturalistisch dargestellt, sondern stilisiert und durch die kräftige Farbgebung und die ungewöhnlichen ‚Frisuren‘ deutlich ins Fantastische und Künstliche verschoben.
Die Farbigkeit des gesamten Gemäldes ist intensiv und leuchtend. Türkis, Blau, Grün, Gelb, Rosa und Violett bestimmen die Bildoberfläche. Die heitere, fast märchenhafte Farbwelt steht dabei in einem auffälligen Gegensatz zu den kunsthistorischen und gesellschaftlichen Bedeutungen, die in den dargestellten Motiven verborgen sind.
Auf den ersten Blick könnte das Gemälde wie eine surrealistische Fantasieszene erscheinen: Meerfrauen mit Nachwuchs, ein Schwan und ein Hai leben gemeinsam in einer märchenhaften Welt. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Alexandra Weidmann mehrere Motive und Bildformeln aus der europäischen Kunstgeschichte aufgreift und ihre Bedeutungen grundlegend verändert. Gerade darin liegt eine wesentliche Besonderheit des Bildes: Die historischen Bildzitate bleiben erkennbar, aber ihre ursprüngliche Semantik wird aufgehoben und neu organisiert. Besonders deutlich wird dies an der ungewöhnlichen Geste der linken Frau, die nach der Brustwarze der rechten greift.
Die Geste verweist unmittelbar auf das berühmte Gemälde Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern, das um 1594 von einem anonymen Künstler der Schule von Fontainebleau geschaffen wurde und sich heute im Louvre befindet. Das Bild zeigt die nackten Oberkörper zweier Frauen im Badezuber, von dem man nur wenig des oberen Randes sieht; die linke Frau greift mit zwei Fingern nach der Brustwarze der rechten. Der Louvre bezeichnet die Dargestellten vorsichtig als Gabrielle d’Estrées und die Herzogin von Villars beziehungsweise die Maréchale de Ballagny.
Gerade diese ungewöhnliche Geste hat zu zahlreichen Interpretationen geführt. Sie wird häufig als Hinweis auf Gabrielles Schwangerschaft beziehungsweise auf die Geburt eines Kindes verstanden. Der Louvre nennt ausdrücklich eine mögliche Verbindung zur Muttermilch und zur kürzlich erfolgten Geburt; auch andere Elemente des Gemäldes, insbesondere der von Gabrielle gehaltene Ring, wurden im Zusammenhang mit ihrer Beziehung zu Heinrich IV. interpretiert.
Alexandra Weidmann übernimmt diese Geste und macht sie zu einem zentralen Verbindungspunkt ihres eigenen Bildes. Doch sie verändert ihren Bedeutungszusammenhang radikal.
Im Fontainebleau-Gemälde ist die weibliche Körperlichkeit in eine höfische Welt aus Sexualität, Schwangerschaft, Liebesbeziehung und dynastischer Reproduktion eingebunden und damit letztlich auf eine von einem Mann bestimmte genealogische Ordnung. Die zahlreichen bekannten Varianten der Komposition werden vom Louvre generell als Allegorien auf die Geburt eines natürlichen Kindes Heinrichs IV. verstanden.
Bei Alexandra Weidmann verschwindet dieser männliche Bezug vollständig. An seine Stelle tritt eine Beziehung zwischen weiblichen Mischwesen. Die eine berührt den Körper der anderen, während diese ein Kind stillt. Aus weiblicher Reproduktion innerhalb einer männlich bestimmten Ordnung wird weibliche Gemeinschaft und friedfertiges Zusammenleben mit anderen Geschöpfen deren Geschlechtlichkeit offen bleibt. Die Semantik der Geste wird damit nicht einfach verändert, sondern geradezu umgekehrt.
Auch die Meerjungfrau beziehungsweise Sirene besitzt eine lange und widersprüchliche ikonografische Tradition. In der europäischen Kunstgeschichte konnte sie für Verführung, Sexualität, Gefahr und die Macht des weiblichen Körpers stehen. Die Frau als Meerwesen verkörperte häufig das Fremde und Verführerische und war damit eng mit männlichen Vorstellungen von weiblicher Sexualität verbunden.
Bei Alexandra Weidmann ist davon wenig übrig geblieben. Ihre Meerfrauen verführen niemanden, höchstens sich gegenseitig. Sie sind keine gefährlichen Sirenen und keine erotischen Wesen. Sie sind Mütter, Gefährtinnen und Bewohnerinnen einer eigenen Welt. Die weiblichen Körper werden damit aus einem traditionellen männlichen Bedeutungszusammenhang herausgelöst. Sie sind nicht länger Objekte eines männlichen Begehrens, sondern handeln selbst und treten miteinander in Beziehung. Auch die Nacktheit verändert dadurch ihre Bedeutung. Sie ist nicht primär erotisch. Die Körper erscheinen vielmehr als selbstverständliche, beinahe elementare Existenzformen.
Die historische Bildidee der Reproduktion wird damit in eine Vorstellung von Fürsorge und weiblicher Gemeinschaft überführt. Hier lässt sich eine Verbindung zu einem zentralen Themenfeld der feministischen Kunstgeschichte herstellen: der Sichtbarkeit von Care-Arbeit und der Frage, wie Mutterschaft, Pflege und körperliche Fürsorge kulturell dargestellt und gesellschaftlich bewertet werden. Alexandra Weidmann interessiert sich dabei nicht für eine idealisierte Darstellung der Mutter. Vielmehr macht sie die Beziehungen zwischen Körpern sichtbar. Berührung, Versorgung und Nähe werden zu eigenständigen Bildinhalten.
Damit fügt sich das Gemälde in jene Werkgruppen ein, in denen die Künstlerin traditionelle Vorstellungen von weiblicher Rolle und Körperlichkeit aufgreift, um sie anschließend semantisch neu zu ordnen.
Durch die Verbindung mit dem Fontainebleau-Zitat erhält auch hier das eingefügte Kind eine andere Bedeutung. Es steht nicht einfach für Mutterschaft im biologischen Sinn. Es befindet sich innerhalb einer Beziehung zwischen zwei Frauen, deren Körper durch die Berührung der Brustwarze miteinander verbunden sind. Dadurch entsteht beinahe ein geschlossener Kreislauf. Durch die Verschiedenartigkeit des Kindes von seinen Müttern wird es aber auch zu einem eigenständigen Protagonisten.
Besonders vielschichtig ist die Anwesenheit des Schwans. Der Schwan besitzt in der europäischen Kunstgeschichte eine starke erotische und mythologische Konnotation. Vor allem erinnert er an die Geschichte von Leda und Zeus: Zeus erscheint Leda in Gestalt eines Schwans und macht damit den Schwan zum Träger einer Geschichte von göttlichem Begehren, sexueller Macht und männlicher Verführung.
Auch hier übernimmt Alexandra Weidmann jedoch nur das vertraute Zeichen und entfernt dessen traditionelle Bedeutung. Der Schwan kommt zwar in ihr Bild, aber es gibt keinen männlichen Gott um dessen Aufmerksamkeit eine Frau sich bemüht, keine sexuelle Begegnung wird dargestellt. Der Schwan ist einfach ein Tier, das durch dieselbe Welt fliegt, in der die Meerfrauen existieren.
Damit wird auch dieses traditionelle Motiv entmythologisiert. Das einstige Zeichen männlicher Macht und erotischen Begehrens wird zu einem Bewohner einer Welt, in der das männliche Zentrum der alten Erzählung nicht mehr existiert.
Eine weitere Umkehrung findet sich im großen Hai im unteren Bildbereich. Der Hai gehört zu den Tieren, die in der modernen Vorstellungswelt besonders stark mit Gefahr und Bedrohung verbunden sind. In einem traditionellen Bild würde seine Anwesenheit in der Nähe nackter Menschen unmittelbar Spannung erzeugen. Hier geschieht das Gegenteil. Der Hai greift niemanden an. Er schwimmt ruhig durch das Wasser und wird damit zu einem ganz gewöhnlichen Bewohner dieser Welt. Damit verliert auch das vermeintlich Bedrohliche seine traditionelle Funktion. So wie die Meerfrau nicht mehr die gefährliche Sirene und der Schwan nicht mehr Träger eines männlichen Mythos ist, wird auch der Hai nicht zum Monster. Alle Lebewesen existieren friedfertig nebeneinander.
Damit wird ein weiterer wesentlicher Aspekt des Bildes sichtbar: die Auflösung der Grenze zwischen Mensch, Tier und Fabelwesen.
Die Frauen und der Säugling besitzen menschliche Oberkörper und tierische Unterkörper. Der Schwan bewegt sich durch den Luftraum über ihnen, der Hai durch das Wasser unter ihnen. Nichts deutet darauf hin, dass eine dieser Lebensformen grundsätzlich höher oder niedriger bewertet wird. Die traditionelle Ordnung Mensch – Tier – Natur – Mythos wird aufgehoben. Das Hybride ist nicht mehr Ausnahme oder Monstrum. Es wird zur Normalität einer anderen Welt.
Darin liegt eine Nähe zu posthumanistischen Fragestellungen, die die vermeintlich selbstverständliche Vorrangstellung des Menschen und die scharfe Trennung zwischen Natur und Kultur hinterfragen. Bei Alexandra Weidmann geschieht dies allerdings nicht in theoretischer oder didaktischer Form, sondern über eine poetische und zugleich irritierende Bildwelt.
Die verschiedenen Motive des Bildes lassen sich deshalb als Teile einer gemeinsamen Strategie verstehen.
Die Meerfrau verliert ihre traditionelle Rolle als Verführerin. Der Schwan verliert seine Funktion als Symbol männlichen Begehrens. Die weibliche Nacktheit verliert ihre Funktion als erotisches Objekt des männlichen Blicks. Das Kind wird aus einer dynastischen Ordnung herausgelöst und in eine weibliche Beziehung eingebunden. Der Hai verliert seine Bedrohlichkeit. Und die Grenze zwischen Mensch und Tier wird aufgehoben. Das Bild könnte deshalb als eine Ikonografie der Umkehrung verstanden werden.
Alexandra Weidmann übernimmt nicht einfach historische Motive, um sie neu zu illustrieren. Sie verändert die Beziehungen zwischen den Motiven und damit ihre Bedeutung. Die alte Ikonografie bleibt sichtbar, aber ihre semantische Ordnung wird ausgetauscht.
Gerade das macht die Verbindung zu Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern so wichtig. Die scheinbar rätselhafte Brustberührung ist ein konkretes historisches Zitat. Doch während das Renaissancebild die weiblichen Körper in einen Zusammenhang von Sexualität, Schwangerschaft und dynastischer Reproduktion stellt, entsteht bei Alexandra Weidmann eine Welt, die ohne männlichen Akteur auskommt. Die Frau ist hier nicht mehr Objekt einer Geschichte, die von einem Mann bestimmt wird.
So entsteht aus alten Motiven eine völlig neue Semantik: eine poetische, hybride Welt, in der weibliche Körperlichkeit, Mutterschaft, Fürsorge und Gemeinschaft nicht mehr den traditionellen hierarchischen Ordnungen unterworfen sind. Mensch und Tier, Mythos und Alltag, Körper und Natur können nebeneinander existieren.
Die heitere Farbigkeit des Bildes täuscht dabei zunächst über die Radikalität dieser Neuordnung hinweg. Gerade in ihrer scheinbaren Leichtigkeit liegt jedoch die Stärke des Gemäldes: Es erzählt keine neue Geschichte mit alten Bildern – es verändert die Bedeutung der alten Bilder, indem es sie in eine neue Welt versetzt.