Gemälde

Grafik

Tonplastik

zurück Fußballspieler Nr. 4

Bis zur Erschöpfung
2010
130 x 110 cm
Öl auf Leinwand

Bildbeschreibung

Fußball gehört zu den prägenden kulturellen Phänomenen der Gegenwart. Stadien werden zu Orten gemeinschaftlicher Rituale, Spieler zu Idolen, deren Leistungen von Millionen Menschen verfolgt und gefeiert werden. In ihrer Werkserie zum Thema Fußball untersucht Alexandra Weidmann die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und die Mechanismen seiner Verehrung. Dabei interessiert sie sich weniger für das einzelne Spiel als für die kulturellen und emotionalen Strukturen, die den Fußball zu einer modernen Form kollektiver Sinnstiftung machen.

Das Gemälde greift bewusst die Form eines traditionellen Altarbildes auf. Die Komposition gliedert sich in ein Hauptfeld und eine darunterliegende Predella. Im oberen Bildbereich ist der dramatische Höhepunkt einer Spielsituation dargestellt. Zwei Spieler befinden sich in einem intensiven Luftkampf um den Ball. Trotz massiver Gegenwehr gelingt einem Spieler offenbar der entscheidende Kopfball. Der Torwart in grünem Trikot springt mit weit ausgestrecktem Arm dem Ball entgegen, scheint ihn jedoch nicht mehr erreichen zu können. Die Körper lösen sich förmlich vom Boden und schweben vor dem hellblauen Hintergrund. Der Augenblick ist von höchster Spannung geprägt und zugleich wie eingefroren – ein flüchtiger Moment sportlicher Größe wird dauerhaft festgehalten.

Die Dynamik des Geschehens wird durch die klare, reduzierte Bildsprache noch gesteigert. Auf räumliche Tiefe und erzählerisches Beiwerk verzichtet die Künstlerin weitestgehend. Die Figuren erscheinen als prägnante Zeichen, deren Gesten und Bewegungen den Bildraum bestimmen. Dadurch erhält die Szene eine ikonische Qualität, die an religiöse Darstellungen erinnert.

Diese Wirkung wird durch die Predella entscheidend verstärkt. Dort liegt ein Fußballspieler ausgestreckt am Boden. Die Darstellung verweist unmittelbar auf Hans Holbein d. J.s berühmtes Gemälde Der Leichnam Christi im Grabe von 1521/22. Wie bei Holbein wird der Körper isoliert und frontal präsentiert. Die Anspielung erschöpft sich jedoch nicht in einem kunsthistorischen Zitat. Vielmehr übernimmt die Predella die traditionelle Funktion, die ihr in der Altararchitektur zukommt: Sie bildet das inhaltliche Fundament des darüber dargestellten Geschehens.

In mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Altären verweist die Predella häufig auf Opfer, Tod oder die Voraussetzungen des Heilsgeschehens. Auch bei Weidmann erscheint der liegende Spieler als Grundlage der heroischen Szene darüber. Der spektakuläre Kopfball, die Bewunderung der Zuschauer und die Verklärung des sportlichen Erfolgs beruhen letztlich auf körperlicher Verausgabung, Schmerz und Verletzlichkeit. Die Predella zeigt gewissermaßen den Preis des Triumphs. Während das Hauptbild den Augenblick sportlicherer Erhöhung feiert, erinnert die untere Bildzone an die Endlichkeit des Körpers und an die Opfer, die jeder Höchstleistung zugrunde liegen.

Besonders eindrucksvoll ist dabei die formale Verbindung zwischen den beiden Bildzonen. Der Ball des oberen Spielgeschehens korrespondiert mit dem Ball in der Predella, der vor dem liegenden Spieler platziert ist. Dadurch entsteht eine vertikale Bildachse, welche die Szenen miteinander verknüpft und ihre wechselseitige Abhängigkeit sichtbar macht. Erfolg und Erschöpfung, Heroisierung und Vergänglichkeit erscheinen als zwei Seiten derselben Wirklichkeit.

Zugleich verweist die Komposition auf die religiösen Dimensionen moderner Sportkultur. Die schwebenden Körper, der hoch aufsteigende Torwart mit seinem ausgestreckten Arm und der über ihnen befindliche Ball erzeugen Assoziationen an traditionelle Darstellungen von Himmelfahrt, Auferstehung oder Transzendenz. Dem gegenüber steht die schwere, horizontale Körperlichkeit des Spielers in der Predella. Die Gegenüberstellung von Erhebung und Erdgebundenheit erinnert an zentrale Bildmuster christlicher Kunst und überträgt diese auf die Welt des Fußballs.

Kunsthistorisch lässt sich das Werk als zeitgenössische Aneignung religiöser Bildformen verstehen. Seit dem 20. Jahrhundert greifen Künstlerinnen und Künstler immer wieder auf bekannte Motive der Kunstgeschichte zurück, um gegenwärtige gesellschaftliche Phänomene zu reflektieren. Alexandra Weidmann nutzt die Form des Altarbildes, um die Verehrung von Fußballstars und die emotionale Aufladung des Sports sichtbar zu machen. Das Stadion erscheint als moderner Ritualraum, der Spieler als zeitgenössischer Held, dessen Ruhm auf Einsatz, Leidensfähigkeit und körperlicher Hingabe beruht.

So verbindet das Gemälde die Bildtradition christlicher Kunst mit der Erlebniswelt des modernen Fußballs. Es zeigt, wie sich Formen von Gemeinschaft, Glauben und Verehrung in der Gegenwart wandeln und zugleich erstaunliche Kontinuitäten bewahren. Der Fußball wird hier nicht nur als Sport verstanden, sondern als kulturelles Ritual, das alte Bildmuster und Sehnsüchte in neuer Gestalt fortleben lässt.