Gemälde

Grafik

Tonplastik

zurück Homo ludens in circulo

Homo ludens in circulo
2011
110 x 110 cm
Öl auf Leinwand

Bildbeschreibung

Das Gemälde Homo ludens in circulo zeigt zwei Fußballspieler in einem Moment ekstatischer Freude. Nach einem offenbar erfolgreichen Spielzug oder Tor umarmt ein Spieler einen anderen von hinten. Die beiden Körper verschmelzen zu einer einzigen, monumentalen Figur. Der vordere Spieler breitet die Arme weit aus, sein Kopf ist nach hinten geworfen, der Mund geöffnet. Die Geste vermittelt Triumph, Begeisterung und emotionale Entgrenzung. Die kräftigen Farben der Trikots – leuchtendes Blau und Rotorange (angeordnet wie in einer Landkarte) – heben die Figuren deutlich vom hellen, leeren Hintergrund ab. Unter den Spielern erscheint ein weißer Fußball, während am unteren Bildrand ein grünes Kreissegment die Szene rahmt.

Die Serie der Fußballbilder kann als Untersuchung des Fußballs als zeitgenössische Ikonographie betrachten werden: Fußballer erscheinen darin nicht nur als Sportler, sondern als Träger von Rollen und Bildformeln, die früher Heiligen, Herrschern, Helden oder allegorischen Figuren vorbehalten waren. Homo ludens in circulo ist innerhalb der Werkgruppe ein besonders zentraler Bezugspunkt, weil hier die Frage nach dem Menschenbild selbst im Mittelpunkt steht.

Die Komposition geht auf eines der berühmtesten Bilder der europäischen Kunstgeschichte zurück: den vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. Bei Leonardo steht der Mensch im Zentrum einer geometrischen Ordnung, wobei hier eine Gleichsetzung von Mann und Mensch getätigt wird, die die Frau als das andere oder Nichtmenschliche mitdefiniert. Die Spieler nehmen in verteilten Rollen die gleichen Körperhaltungen ein wie ihr berühmtes Gegenstück. Die weit ausgebreiteten Arme des vorderen Spielers und die Fußstellungen beider Spieler erinnern unmittelbar an die Haltung der berühmten Renaissancefigur. Nur die Umarmung ist neu (und das im homophoben Fußball…). Insofern übernimmt Alexandra Weidmann das Vorbild zwar als Zitat, transformiert es aber grundlegend. Aus dem idealisierten Einzelmenschen wird ein Paar von Fußballspielern, aus der statischen Studienfigur ein Augenblick intensiver Bewegung und Emotion Der vollständige Kreis des Vorbilds erscheint nur noch als Fragment. Das Kreissegment verweist auf den ursprünglichen Kreis, ohne ihn zu vollenden. Die Vollkommenheit, für die der Kreis steht, wird zu Stückwerk.

Mit dieser Veränderung verschiebt sich auch die Bedeutung des Bildes. Der vitruvianische Mensch verkörpert das humanistische Ideal der Renaissance: den Menschen/Mann als Maß aller Dinge, eingebunden in eine vernünftige, mathematisch erfassbare Weltordnung. In Homo ludens in circulo tritt an die Stelle dieser Ordnung das Spiel (Zufälle, unkalkulierbare Risiken, etc.). Bereits der Titel verweist auf Johan Huizingas kulturgeschichtliches Konzept des Homo ludens, des spielenden Menschen1. Huizinga verstand das Spiel nicht als bloßen Zeitvertreib, sondern als eine grundlegende kulturelle Praxis, aus der Gemeinschaft, Rituale und gesellschaftliche Ordnung hervorgehen. In diesem Sinne erscheint der Fußball hier als moderne Form kultureller Selbstvergewisserung.

Gleichzeitig eröffnet die Komposition eine weitere Bedeutungsebene. Die ausgebreiteten Arme der zentralen Figur erzeugen eine kreuzförmige Silhouette, die unweigerlich Assoziationen an die christliche Ikonographie hervorruft. Die Haltung erinnert sowohl an den vitruvianischen Menschen als auch an Darstellungen des gekreuzigten Christi. Die Umarmung der beiden Spieler verbindet Triumph und Hingabe, Gemeinschaft und Transzendenz. Dadurch erhält die Szene eine beinahe sakrale Dimension. Der Fußballjubel wird nicht als alltäglicher Moment geschildert, sondern als Bild einer kollektiven Ekstase, die an religiöse Erfahrungen erinnert.

Bemerkenswert ist dabei, dass das Bild den Fußball weder ironisiert noch kritisiert. Vielmehr wird er als ein gesellschaftliches Ritual ernst genommen, das in der Gegenwart Funktionen übernimmt, die früher Religion, Mythos oder staatliche Zeremonien erfüllten. Die Spieler erscheinen als Repräsentanten eines modernen Menschenbildes, das sich nicht mehr primär über kosmische Ordnung oder religiöse Gewissheit definiert, sondern über gemeinschaftliche Erfahrung und spielerische Teilhabe. Bleibt die Frage, inwieweit sich moderne Gesellschaften von der Gleichsetzung Mann = Mensch gelöst haben.

Das Kreissegment am unteren Bildrand bündelt diese verschiedenen Bedeutungsebenen. Es kann als Verweis auf den Kreis des vitruvianischen Menschen gelesen werden, zugleich als Andeutung eines Spielfeldes und schließlich als eine Art fragmentierter Nimbus. Dadurch entsteht eine vielschichtige Bildstruktur, in der Renaissance-Humanismus, religiöse Tradition und zeitgenössische Sportkultur miteinander verschmelzen.

Homo ludens in circulo ist somit weit mehr als eine Darstellung von Fußballspielern. Das Gemälde reflektiert die Frage, welche Bilder des Menschen die Gegenwart hervorbringt und welche kulturellen Praktiken heute Gemeinschaft, Sinn und Identität stiften. In der Verbindung von Leonardo, Huizinga und christlicher Ikonographie entsteht ein vielschichtiges Sinnbild des modernen Menschen – nicht als Homo sapiens, sondern als Homo ludens, als spielender Mensch im Kreis seiner dominanten kulturellen Welt.


1 Johan Huizingas Homo Ludens ist ein klassisches Werk der Kulturgeschichte, das den spielenden Menschen (Homo ludens) neben den denkenden (Homo sapiens) und den schaffenden Menschen (Homo faber) stellt. Der niederländische Historiker zeigt darin, dass das Spiel keine bloße Nebensache ist, sondern als kulturkonstitutive Kraft am Anfang von Recht, Kunst, Dichtung und Wissenschaft steht.

Johan Huizinga (Autor), Andreas Flitner (Hrsg.): Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel („Homo ludens“, 1939). Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-55435-3.