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Kindheit |
Bildbeschreibung
Sie stehen da, drei Kinder, nebeneinander wie Angeklagte, über die das Urteil gesprochen wird. Ihre Hände sind ineinander verhakt, doch der Griff ist kein spielerischer – er ist der Strohhalm, an dem man sich festhält, wenn der Boden verrutscht. In ihren Gesichtern liegt etwas, das Kinder nicht kennen sollten.
Über ihnen zieht der Himmel nicht, er droht. Die Bomber, welche diagonal von links unten nach rechts oben fliegen, sind zu einem Muster stilisiert, sie schweben nicht als Flugkörper, sondern als Zeichen. Sie wirken wie Runen einer Gewalt, die sich in das Firmament geschrieben hat.
Hinter den Füßen der Kinder am Horizont bewegt sich ein farbiger Strom von Menschen, Silhouetten ohne Gesichter, ein wandernder Schatten der Geschichte. Sie gehen, immer gehen sie, seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten – fort von dem, wohin die Bomber unterwegs sind. Ihre Farben – Rot, Blau, Grün, Gelb – sind bunt wie die lustigen Figuren einer Tapete für ein Kinderzimmer. Doch diese Silhouetten erzählen von Vertreibung und Flucht.
Die symmetrische Aufstellung der Kinder wirkt dagegen statisch, fast wie ein Familienporträt oder eine Fotografie aus früheren Jahrzehnten – was den historischen Kontext des 2. Weltkriegs subtil anklingen lässt. Die Vertikale (Kinder) steht im Gegensatz zur Horizontalen (Flüchtlingsstreifen). Dies verstärkt das Gefühl, dass die Kinder in einem Zwischenraum stehen – gefangen zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Gefahr und Bewegung.
Die Komposition des Bildes ist eine Bühne: oben die Bedrohung, unten die Flucht, in der Mitte die Kindheit – gefangen wie eine fragile Erzählung zwischen zwei Schichten der Geschichte. Es ist kein bestimmter Krieg, der hier dargestellt wird, und doch sind es alle. Die Bomber tragen die Silhouetten des 20. Jahrhunderts, der Flüchtlingszug die Farben des 21. Jahrhunderts. Und die Kinder stehen dazwischen, als bräuchten sie keine Jahreszahl, um verstanden zu werden.
Sie sind die Chronisten dessen, was Krieg mit denen macht, die ihn nicht führen, aber ertragen müssen. Ihre Blicke sprechen nicht von Vergangenheit oder Zukunft, sondern von einer Gegenwart, die in zu vielen Teilen der Welt andauert. Und wenn man sie lange ansieht, ahnt man, dass ihre Kindheit nicht endet, weil sie erwachsen werden – sondern weil sie endet, bevor sie beginnen konnte.