Gemälde

Grafik

Tonplastik

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Sieg oder Niederlage
2011
140 x 110 cm
Öl auf Leinwand

Bildbeschreibung

Alexandra Weidmann hat sich in einer umfangreichen Serie von Zeichnungen und Gemälden mit dem Thema Fußball beschäftigt. Fußball ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und kann unter vielen Blickwinkeln betrachtet werden. Ein wichtiger Aspekt ist, dass durch die Möglichkeit der Fotografie mit kurzen Belichtungszeiten Szenen des Spielgeschehens darzustellen, unglaubliche Kompositionen von um den Ball ringenden Akteuren festgehalten werden.

Der bekannte Professor für Kunstgeschichte, Horst Bredekamp, hat sich in seinem Buch „Bilder bewegen, von der Kunstkammer zum Endspiel“ mit dieser Thematik beschäftigt. Die Überschrift des ersten Kapitels lautet: „Fußball als letztes Gesamtkunstwerk“. Bredekamp schreibt über die Relation Fußball zur Kunst: „Da der Fußball Härte erlaubt, Gewalt aber verbietet, ist ein Vergleich von Szenen des Krieges mit denen dieses Sports an sich verfehlt. Darstellungen des Krieges und des Fußballs sind jedoch darin verwandt, dass sie Menschen in nicht mehr zu steigernder körperlicher und psychischer Erregung zeigen. … Die Bilder der Fußballspiele sind ein Archiv dieser Extremerfahrung.“

Ein Vergleich von Fußballereignissen mit den Schlachten- und Gerichtsszenen der Bildenden Kunst liegt nahe. Ein solches Vorhaben erscheint blasphemisch. Bredekamp schreibt: „Dabei hatte der Kunst- und Kulturhistoriker Aby Warburg auf einer der letzten Tafeln des Bilderatlas Mnemosyne nicht nur ohne Bedenken, sondern im Bewusstsein innerer Folgerichtigkeit die Bildketten von Selbstmord und Opfermythen mit Fotografien von Sportlern enden lassen. Dieses Verfahren ist auf die Fotos von Fußballspielern aber umso mehr zu beziehen, als diese als besonders sinnfällige Inkarnationen der wettstreitenden Dynamiker gelten können. Zahlreiche Szenen des Fußballs sind instinktiv in die Geschichte kodifizierter Erregungsformen aufzunehmen.“

Ein weiterer Aspekt des Fußballs ist die Verehrung der Stars. Diese Verehrung erreicht religiöse Dimensionen. Was liegt also näher als religiöse Bildkompositionen mit Fußballakteuren neu zu erzählen. Die hier gezeigte Bildkomposition zitiert und verändert traditionelle Kreuzigungsdarstellungen, in denen neben dem ans Kreuz geschlagenen Jesus, Maria und der Jünger Johannes auftreten. Als Jesus am Kreuz hing, bat er seinen Jünger Johannes, sich um seine Mutter Maria zu kümmern. Das findet man in der Lutherbibel 2017 im Johannes Evangelium, Kapitel 19, Verse 26-27:
"Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, sprach er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Danach sprach er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich".

Im Zentrum des Bildes steht der die Arme ausbreitende hochspringende Fußballspieler. Das Kreuz wird zumindest von geschulten Betrachtern ergänzt. Die gar nicht ohnmächtig dahinsinkende Maria, die eine Waffe sowohl auf den „Johannes“, ihren neuen Beschützer und Bevormunder, als auch auf einen älteren Mann richtet, der hinter ihm in Deckung geht oder ihr diesen wegschnappt, ist der stärkste Bruch mit der traditionellen Darstellung von Kreuzigungsszenen. Hätte eine bewaffnete Maria die Kreuzigung verhindern können?

Ist es ein Sieg oder eine Niederlage, wenn Gewalttaten zunehmend auch von Frauen verübt werden? Oder soll es dabei bleiben, dass Frauen nur ihre Kinder wie Löwinnen verteidigen dürfen?