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Hasenfreund |
Bildbeschreibung
„Die klassische Familie wird in Deutschland zum Auslaufmodell. Statt Mutter, Vater und mindestens zwei Kindern leben die Menschen hierzulande hauptsächlich allein. Dass diese Gruppe von jungen Singles dominiert wird, ist allerdings falsch.“ Das schreibt Der Stern am 01.02.2018. Alternative Lebensformen zur klassischen Familie werden heute zunehmend gesellschaftlich akzeptiert. Ein glücklicher Mensch, der mit seinen Hasen – es sind ja eigentlich Kaninchen – lebt und sich dabei wohl fühlt.
Das Ölgemälde „Hasenfreund“ von Alexandra Weidmann zeigt eine einzelne männliche Figur in hockender Haltung vor einem flächig gehaltenen, kühl wirkenden Hintergrund. Der Mann trägt lediglich rosafarbene Sandalen und eine Badehose und hält zwei helle Kaninchen eng an seinen Oberkörper gedrückt, während zwei weitere Tiere ruhig zu seinen Füßen verweilen. Die Darstellung ist von einer auffälligen Überzeichnung geprägt: Der Kopf erscheint leicht vergrößert, die Gesichtszüge wirken betont und beinahe karikaturhaft, während der Körper weich modelliert ist und ohne jede idealisierende Glättung eine deutliche Körperfülle zeigt. Der Gesichtsausdruck bleibt dabei eigentümlich ambivalent – er oszilliert zwischen Freude, Entrücktheit und einer schwer fassbaren Unbestimmtheit.
Die Farbigkeit verstärkt diesen Eindruck subtil. Kühle Blau- und Grautöne im Hintergrund kontrastieren mit warmen, ins Violette spielenden Hauttönen. Das leuchtende Grün des Rasens setzt einen fast irritierenden Akzent, während die rosafarbenen Sandalen und die Badehose die Figur visuell hervorheben und zugleich eine bewusste Brechung klassischer Männlichkeitsbilder nahelegen. Auffällig ist zudem, dass die Kaninchen ruhiger und vergleichsweise naturalistischer dargestellt sind als der Mensch, wodurch sich eine eigentümliche Hierarchie der Wahrnehmung ergibt: Die Tiere erscheinen fast stabiler und „wirklicher“ als die menschliche Figur selbst.
Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels von Familienstrukturen lässt sich das Bild als Visualisierung einer alternativen Lebensform lesen. Die Kaninchen übernehmen dabei eine vielschichtige symbolische Funktion. Sie stehen für Nähe, Zuneigung und Fürsorge und fungieren zugleich als Ersatz für zwischenmenschliche Bindungen. Als traditionelles Symbol der Fruchtbarkeit werden sie hier in gewisser Weise ironisch gebrochen: An die Stelle der klassischen Fortpflanzung tritt eine andere Form von emotionaler und existenzieller „Lebensfülle“. Die Tiere werden so zur Projektionsfläche für Intimität, die üblicherweise im zwischenmenschlichen Bereich verortet ist.
Die dargestellte Figur wirkt dabei nicht im engeren Sinne einsam, sondern eher selbstgenügsam und in sich ruhend, emotional eingebunden – allerdings ausschließlich in eine Beziehung zu Tieren. Genau hier entfaltet das Bild seine leise gesellschaftskritische Dimension. Es verweist auf eine posttraditionelle Lebensweise, die heute zunehmend akzeptiert ist, ohne ihre Ambivalenzen zu verschweigen. Das gezeigte Glück bleibt schwer eindeutig zu bewerten: Es erscheint zugleich zärtlich und leicht befremdlich, stabil und möglicherweise kompensatorisch. Die leicht groteske Körperdarstellung kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass solche Lebensentwürfe zwar Teil der gesellschaftlichen Realität sind, jedoch weiterhin als „anders“ markiert bleiben.
Kunsthistorisch bewegt sich das Werk in einem spannungsreichen Feld zwischen Porträt und Anti-Porträt. Während klassische Porträts auf Idealisierung abzielen, verweigert sich diese Darstellung bewusst jeder Glättung und nähert sich damit Positionen der Neuen Figuration an, wie etwa bei Lucian Freud, in denen Körperlichkeit schonungslos sichtbar wird. Auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier wird hier neu gefasst: Anders als in traditionellen Tierdarstellungen, die häufig auf distanzierte Beobachtung setzen, rückt das Gemälde eine intime, emotionale Interaktion ins Zentrum. Die Malweise, die mit subtilen Irritationen in Farbe und Proportion arbeitet, verortet das Bild zugleich deutlich in der zeitgenössischen Figuration, die zwischen Empathie, Ironie und kritischer Reflexion changiert.
In seiner Gesamtwirkung ist „Hasenfreund“ daher weit mehr als ein idyllisches Motiv. Das Bild entwirft ein vielschichtiges Porträt moderner Existenzformen und stellt die Frage, was „Familie“ und Zugehörigkeit heute bedeuten können. Es zeigt ein Individuum außerhalb klassischer sozialer Strukturen und lässt zugleich offen, ob diese Form des Lebens als erfüllte Alternative oder als Ausdruck subtiler Vereinzelung zu verstehen ist. Gerade diese Uneindeutigkeit verleiht dem Werk seine besondere Spannung: Es ist zugleich zärtlich und irritierend, nahbar und distanziert – und entfaltet darin ein präzises, nachdenkliches Bild der Gegenwart.